Spiele in der Antike
Wer sich mit der Geschichte, der
Sozial- und Kulturgeschichte des Spiels und des Spielens beschäftigt,
betritt noch heute weitgehend unerforschte Gefilde und kann Erstaunliches
zutage fördern. Dazu gehört zum Beispiel auch die Erkenntnis,
dass das Spiel zu den ältesten kulturellen Äußerungen
des Menschen gehört, älter ist als alle in schriftlicher Form
niedergelegten Ideen und Gesetze und beinahe ebenso alt wie die frühesten
bildlichen Darstellungen. Schon in dieser Zeit empfanden die Menschen
Freude an der spielerischen Auseinandersetzung mit dem Gesetzen des Zufalls,
mit geometrisch-mathematischen Konstellationen.
Um eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln: die Brettspiele, die
Sir Leonard Wooley in den Königsgräbern von Ur in Chaldäa
fand, werden heute auf die Zeit um ungefähr 2.800 vor Christus (!)
datiert. Ihre prächtige künstlerische Verarbeitung mit Muscheln,
Perlen und Lapislazuli deutet eher auf den Höhepunkt einer alten
Spielkultur hin denn auf Archetypen einer neuen Erfindung.
Diese Spiele von Ur lagen bemerkenswerter Weise nicht bei den eigentlichen
Grabbeigaben in der Kammer des Priester-Königs, sondern unter dem
Handwerkszeug und den Musikinstrumenten des Gefolges, unter den Gebrauchsdingen
des Alltags vor der Grabkammer. Und nicht etwa bei Kindern, sondern bei
den erwachsenen Gefolgsleuten des Priesterkönigs.
Ein anderes, eher kurioses Zeugnis früher Spiele-Leidenschaft: um
1.400 vor Christus schlugen die Tempelsteinmetzen von Kurna in Ägypten
einen Mühle-Spielplan in den Stein des Jiebels und vergnügten
sich während Arbeitspausen in luftiger Höhe bei einem munteren
Spielchen. Schon diese frühen Beispiele zeigen, dass Spielen als
kulturelle Form der Freizeitbeschäftigung weder an bestimmte Stände
noch an bestimmte Lebensalter gebunden war und ist.
Jede Zeit, jeder Stand und jedes Alter entwickelte da im Verlauf der Jahrhunderte
seine spezifischen und stets modegebundenen Formen und Spielarten. Sie
alle zu erfassen und mit Spielplänen und Spielregeln zu dokumentieren,
würde sicherlich mehrere Buchregale füllen. Die Dokumentation
der Regeln würde dabei mit Sicherheit die größten Schwierigkeiten
bereiten. Denn Regeln in schriftlicher Form, die sich einigermaßen
nachvollziehen lassen, finden sich erst im Mittelalter. Davor wurden sie
halt stets und nahezu ausschließlich mündlich vermittelt und
sind nur in Zitaten überliefert.
Doch bleiben wir auf unserer Spiele-Reise durch die Zeiten und Kulturen
noch ein wenig in Ägypten. Hier entwickelte sich aus dem Ur-Spiel
das berühmte Senetspiel, das in letzter Zeit immer wieder in Nachbildungen
mit rekonstruierten oder neuerfundenen Spielregeln angeboten wird. Es
wurde seinerseits wieder Grundlage eines anderen Klassikers, der einmal
ganz und gar vergessen war und heute wieder viel gespielt wird: des guten
alten Backgammons.
Und noch ein anderes klassisches Spielprinzip geht auf dieses alte Kulturland
zurück, das viele für die eigentliche Wiege der europäischen
Kultur halten. Im altägyptischen Schlangenspiel finden wir genau
den Spielplan in Gestalt einer eingerollten Schlange wieder, den wir ihn
aus vielen Gänsespielen und einfachen Würfelspielen kennen.
Hier allerdings handelte es sich nicht um ein Gesellschafts- und Unterhaltungsspiel,
sondern es ging, wie aus einem Papyrus der 20.Dynastie deutlich wird,
um die Glückseligkeit im Jenseits!
Die enge Verknüpfung von Spiel und Mythos tritt in dieser Frühgeschichte
des Spiels deutlich zutage und weist auf gemeinsame Wurzeln hin. Noch
bis ins Mittelalter bestehen solche Bezüge, ja teilweise noch bis
in die heutige Zeit, hier allerdings nur noch rudimentär und insbesondere
auf der Ebene abergläubischer Verhaltensmuster bei Glückspielen.
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