Spiele in der Antike

Streifzüge durch die Geschichte der Spiele und des Spielens.
Ein Bericht von: Dr. Bernward Thole

10teilig - Antike bis 80er Jahre

Wer sich mit der Geschichte, der Sozial- und Kulturgeschichte des Spiels und des Spielens beschäftigt, betritt noch heute weitgehend unerforschte Gefilde und kann Erstaunliches zutage fördern. Dazu gehört zum Beispiel auch die Erkenntnis, dass das Spiel zu den ältesten kulturellen Äußerungen des Menschen gehört, älter ist als alle in schriftlicher Form niedergelegten Ideen und Gesetze und beinahe ebenso alt wie die frühesten bildlichen Darstellungen. Schon in dieser Zeit empfanden die Menschen Freude an der spielerischen Auseinandersetzung mit dem Gesetzen des Zufalls, mit geometrisch-mathematischen Konstellationen.

Um eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln: die Brettspiele, die Sir Leonard Wooley in den Königsgräbern von Ur in Chaldäa fand, werden heute auf die Zeit um ungefähr 2.800 vor Christus (!) datiert. Ihre prächtige künstlerische Verarbeitung mit Muscheln, Perlen und Lapislazuli deutet eher auf den Höhepunkt einer alten Spielkultur hin denn auf Archetypen einer neuen Erfindung.

Diese Spiele von Ur lagen bemerkenswerter Weise nicht bei den eigentlichen Grabbeigaben in der Kammer des Priester-Königs, sondern unter dem Handwerkszeug und den Musikinstrumenten des Gefolges, unter den Gebrauchsdingen des Alltags vor der Grabkammer. Und nicht etwa bei Kindern, sondern bei den erwachsenen Gefolgsleuten des Priesterkönigs.

Ein anderes, eher kurioses Zeugnis früher Spiele-Leidenschaft: um 1.400 vor Christus schlugen die Tempelsteinmetzen von Kurna in Ägypten einen Mühle-Spielplan in den Stein des Jiebels und vergnügten sich während Arbeitspausen in luftiger Höhe bei einem munteren Spielchen. Schon diese frühen Beispiele zeigen, dass Spielen als kulturelle Form der Freizeitbeschäftigung weder an bestimmte Stände noch an bestimmte Lebensalter gebunden war und ist.

Jede Zeit, jeder Stand und jedes Alter entwickelte da im Verlauf der Jahrhunderte seine spezifischen und stets modegebundenen Formen und Spielarten. Sie alle zu erfassen und mit Spielplänen und Spielregeln zu dokumentieren, würde sicherlich mehrere Buchregale füllen. Die Dokumentation der Regeln würde dabei mit Sicherheit die größten Schwierigkeiten bereiten. Denn Regeln in schriftlicher Form, die sich einigermaßen nachvollziehen lassen, finden sich erst im Mittelalter. Davor wurden sie halt stets und nahezu ausschließlich mündlich vermittelt und sind nur in Zitaten überliefert.

Doch bleiben wir auf unserer Spiele-Reise durch die Zeiten und Kulturen noch ein wenig in Ägypten. Hier entwickelte sich aus dem Ur-Spiel das berühmte Senetspiel, das in letzter Zeit immer wieder in Nachbildungen mit rekonstruierten oder neuerfundenen Spielregeln angeboten wird. Es wurde seinerseits wieder Grundlage eines anderen Klassikers, der einmal ganz und gar vergessen war und heute wieder viel gespielt wird: des guten alten Backgammons.

Und noch ein anderes klassisches Spielprinzip geht auf dieses alte Kulturland zurück, das viele für die eigentliche Wiege der europäischen Kultur halten. Im altägyptischen Schlangenspiel finden wir genau den Spielplan in Gestalt einer eingerollten Schlange wieder, den wir ihn aus vielen Gänsespielen und einfachen Würfelspielen kennen. Hier allerdings handelte es sich nicht um ein Gesellschafts- und Unterhaltungsspiel, sondern es ging, wie aus einem Papyrus der 20.Dynastie deutlich wird, um die Glückseligkeit im Jenseits!

Die enge Verknüpfung von Spiel und Mythos tritt in dieser Frühgeschichte des Spiels deutlich zutage und weist auf gemeinsame Wurzeln hin. Noch bis ins Mittelalter bestehen solche Bezüge, ja teilweise noch bis in die heutige Zeit, hier allerdings nur noch rudimentär und insbesondere auf der Ebene abergläubischer Verhaltensmuster bei Glückspielen.